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Unser Umzug von Calgary nach Edmonton

Umzug nach Edmonton

Edmonton, den 20.1.09
Ich sehe, dass zwei Internetsurfer auf unserer Seite online sind. Es sind diejenigen, die es nicht erwarten können, dass die neue Tagebucheintragung erscheint. Oh, jetzt sind es schon sechs, die bereits morgens um sieben die neuesten Nachrichten aus Kanada lesen wollen. Eine unserer Mitarbeiterinnen hat mir verraten, dass sie erst liest, was im Tagebuch steht, bevor sie anfängt zu arbeiten. Für sie werde ich versuchen, tatsächlich jeden Tag einen Eintrag zu verfassen und natürlich für diese anderen sechs Personen, die in der Erwartung eines neuen Artikels schlaflose Nächte haben. All diese Leute hätten bereits in ihrer schlaflosen Nacht meinen neuesten Eintrag lesen können, hätte mich nicht ein Feuerarlarm in dem Bereich der Universität, wo wir die Gästezimmer belegen, veranlasst, mich zu evakuieren. Dadurch hatte ich leider vergessen, den Text zu speichern, der dann leider verloren ging, da ich nach der Unterbrechung aus dem Internet geworfen worden war. Nun verfasse ich meine Texte offline, da ich es nicht noch einmal riskieren möchte, einen Text zu verlieren wie den, der zu dem literarisch Wertvollsten gehörte, was ich jemals produziert habe. Ich schrieb über die nordamerikanische Eishockeyliga, gegen die die deutsche Liga wie in Zeitlupe zu spielen scheint, über die Platzierung von Edmonton und Calgary (Edmonton hat gerade gewonnen, was in einer Kneipe auf ca. 35 Bildschirmen übertragen wurde.)
und dass in Calgary der Name der Konkurrenzstadt nur ausgesprochen wird, wenn man gleichzeitig den Kopf nach hinten dreht, grimmig dreinschaut und ausspuckt (symbolisch).
Ich schrieb über die unendlichen Weiten der Prärie, die sich auch nördlich von Edmonton weitere 1500 Km erstreckt, zumindest was die Provinz Alberta betrifft, die damit wahrscheinlich so groß wie Deutschland ist und nur vier Millionen Einwohner hat, von denen sich zwei auf die beiden genannten Städte verteilen. Unser Fahrer, der nun bereits zur Familie gehört (Man lese seine Geschichte in dem Kapitel „Lethbridge“) diskutierte mit uns über diese Themen und noch viel mehr. Wir sind nun hier in Edmonton am nördlichsten Punkt unserer Reise angekommen und wurden wieder herzlich empfangen. Eine Theateraufführung einer hiesigen Theatergruppe konnten wir uns bereits zum Festivalauftakt ansehen. Bis Morgen Siegmar

Edmonton, den 21.1.09

Wir hatten einen anstrengenden Tag und eine erfolgreiche Aufführung. So langsam glaube ich, dass das Publikum in ganz Alberta so positiv ist. Sie mögen unsere Aufführung. Es liegt vielleicht zum Teil auch daran, dass das Stück gut ist.

Ich bin jedenfalls ziemlich geschafft, da ich um sieben aufgestanden bin und bis jetzt fast ohne Pause durchgearbeitet habe. Hier ist es jetzt elf Uhr, draußen kommt so langsam der heiß (kalt) erwartete Wetterumschwung und ich grüße alle, die in der Heimat auf unsere Rückkehr warten.

In erster Linie gilt es an dieser Stelle mal einen Gruß an unsere BüromitarbeiterInnen zu senden, die leider nicht mitfahren konnten, aber zu Hause alles so perfekt organisieren, sodass wir gerne wiederkommen. Grüße auch an alle Lebensgefährten und Kinder, Eltern und Verwandte und gute Nacht allen. Morgen muss ich schon wieder einen Vortrag in englischer Sprache halten.
Siegmar

alt 

Edmonton, den 22.1.09
Nun ist er endlich da, der Winter. Hier hinter den Rocky Mountains sind die Temperaturunterschiede bemerkenswert. Von plus14° C rutscht die Temperatur über Nacht auf minus 17° C ab und man wundert sich, wenn man aus der Haustür heraus ist, wie schnell einem der Nordwind das Frösteln beibringt. Heute werden sich unsere mitgebrachten Wintersachen bewähren müssen. Ich hatte heute Mittag wieder eine Vorstellung unserer Arbeit vor einigen interessierten Studenten, wobei die Sprache schon deutlich flüssiger war und gleich muss ich wieder umschalten, denn da gibt es ein Radiointerview mit Heinz, dessen Name verrät, dass das Interview in deutsch geführt wird. In Alberta gibt es viele deutsche Auswanderer - wir hatten bereits in Lethbridge eine kostümierte Gruppe von Hutterern gesehen - sodass hier für einige Stunden täglich Fernsehen und Radio in deutscher Sprache zu empfangen sind.
Ich muss jetzt noch nachtragen, dass die Temperatur weiter bis minus 23° C gefallen ist und dass man im Windchill -34° fühlt, was sich schon ein bisschen ungewohnt ist. Man atmet schon lieber durch einen Schal und wünscht sich, dass man sich doch für die lange Unterhose entschieden hätte und man macht sich viele Gedanken darüber, wie man die Entfernung vom Theater zu den Unterkünften, die nur einen knappen Kilometer beträgt, überstehen wird.
Nachtragen muss ich auch, dass Heinz einen starken englischen Akzent hatte und die zwei Musikstücke, die vor dem Interview gespielt wurden, von Heino und Roy Black waren. Sehr skurril!
Bis morgen

Siegmar

Edmonton, den 24.1.09

Ich sehe mit Schrecken, wie die Zeit dahinsaust und muss noch nachholen, dass auch in Edmonton die dritte Aufführung die beste war. Man spielt sich dann doch auf den neuen Raum ein. Und dazu habe ich am letzten Tag auch noch einen wunderbaren Workshop leiten dürfen. Die Teilnehmer kamen aus der „Masterclass“ und waren zum großen Teil angehende SchauspielerInnen. Für deutsche und europäische Verhältnisse ist es einfach nicht vorstellbar, mit welcher Energie, Hingabe und Motivation diese Teilnehmer zu Werke gingen. Diese sechs Stunden vergingen wie im Rausch, ich fühlte mich um 25 Jahre zurückversetzt, denn zu der Zeit gab es auch noch diesen Enthusiasmus in Deutschland, der die ganze Entwicklung der freien Szene erst möglich machte. Die Workshopteilnehmer verlangten nach grenzüberschreitender expressiver Körperarbeit und so habe ich Übungen vorgemacht, die ich Jahrzehnte nicht mehr praktiziere, aber das Körpergedächtnis ist erstaunlich gut. Die Erfahrung mit dieser nördlichsten Millionenstadt in Nordamerika bestätigten weiterhin, dass es ein großes Bedürfnis nach innovativen Theaterformen gibt und dass im Bereich der Schauspielausbildung geradezu ein Heißhunger des Lehrkörpers und der Studenten auf diese sehr körperbetonte Arbeit besteht. Wir machen ja auch bei vielen Gastspielen in Europa die Erfahrung, dass wir international anerkannt sind und können dadurch besser einschätzen, wo wir national, regional und kommunal stehen. Aber gerade, weil in der Heimat die Arbeit um die Anerkennung so hart ist (und auch nach 25 Jahren nicht leichter geworden ist) genießen wir es hier so sehr, dass immer wieder fremde Leute auf uns zugehen und sagen, dass sie die Aufführung so toll fanden.  

Die persönliche Erfahrung mit arktischer Luft war auch interessant, zumal sich immer ein warmes Cafè oder anderes Gebäude in der Nähe befand. Aber es war immer ungewohnt, wenn ich nach 10 Minuten Spaziergang bereits meine Arme schlechter bewegen konnte, da sich nämlich die Außenschicht meiner Jacke verhärtete und merkwürdige Geräusche produzierte, nach weiteren zehn Minuten fingen dann die Augenwimpern an, zu vereisen, man muss dann immer so ein bisschen klimpern, damit sie nicht verkleben. Um ein Photo zu machen, geht man folgendermaßen vor. Jacke möglichst noch mit angezogenen Fellhandschuhen öffnen und Kamera aus Innentasche ziehen (Dort hat sie eine geringe Chance für einige Photos zu funktionieren), Handschuh ausziehen, Photo machen, Kamera einpacken und schnell wieder Handschuh an. Einmal machte ich den Fehler, zwei Photos zu schnell hintereinander zu machen, was ich dann mit  schmerzenden Händen bezahlen musste. Man verliert ein bisschen das Gefühl für Unterkühlung, weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, beim Einatmen die Luft vorzuwärmen und nicht zu schnell einzuatmen. Aber aus den Erzählungen der Einheimischen wissen wir, dass das alles nur läppisch war, denn wenn es wirklich kalt ist, schüttet man ein Glas Wasser in die Luft und es landet ein unförmiger Eisklumpen auf dem Boden( Die arktische Form des Bleigießens). Ich musste übrigens mit Enttäuschung feststellen - so wird in Wikepedia behauptet - dass Edmonton auf der gleichen geographischen Breite wie Hamburg liegen soll. 

In Calgary wieder angekommen, haben sich die -15°C schon warm angefühlt, Ich habe meine Fellmütze wieder gegen Baumwolle getauscht. Und der Chinook soll die Temperaturen wieder in den Plusbereich befördern.  

alt 

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