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Calgary, den 15.1.09 Wieder zurück in einer richtigen Stadt. Lethbridge war völlig gesichtslos. Man musste dort nachts die Bürgersteige gar nicht hochklappen, da meist gar keine vorhanden waren. Fußgänger sind dort verdächtige Subjekte. Hier gibt es wieder ein urbanes Gefühl, man kann wieder zu Fuß gehen ohne als Obdachloser angesehen zu werden. Es gibt sogar so etwas wie eine Fußgängerzone downtown. Wir wurden hier sehr freundlich empfangen und fanden an der Pinwand einen sehr schönen Artikel aus dem Swerve-Magazin, in dem die beiden Theatergruppen nebeneinander gestellt werden, die beide 25 Jahre alt sind und ähnliche Wurzeln haben. Ich habe gerade diese Wand mit meiner Webcam abgefilmt und werde dieses Filmchen als Pilotfilm ins Netz stellen, wenn ich die technischen Hürden genommen habe. Die Webcam lässt übrigens eine ziemlich direkte Kommunikation mit meiner Familie zu, Bildtelefonieren ist wirklich eine nette Erfindung und sogar umsonst. Heute muss ich mich kurzfassen, da die Cheftechnikerin bereits angekommen ist und wir müssen die Lichtstimmungen programmieren. Bis Morgen. p.s. Wenn ihr ein bisschen googeln wollt, "One Yellow Rabbit" heißt das Theater und "High Performance Rodeo" ist der Name des Festivals.
Calgary, am 16.1.09 Ich bin heute spät dran, kurz vor der zweiten Vorstellung von "Body Fragments" in Calgary. Drüben ist schon der 17. und mein kleiner Paul wird drei Jahre alt und ich bin bei seiner Geburtstagsfeier nicht dabei. Morgen schon wieder dasselbe: Mein großer Sohn Hanno wird 18 und ich bin weit weg. Ich komme darüber ein wenig ins Grübeln und werde jetzt sentimental. Unsere Calgarypremiere war sehr gut. Es gab viele begeisterte Stimmen und die Organisatoren waren zufrieden. Für uns ist es übrigens wichtig, nach der Vorstellung Zuschauer zu sprechen, da wir aus dem Klatschverhalten des kanadischen Publikums nicht schlau werden. Es wird einmal kräftig geklatscht und das war's. Wir wissen also nicht, wie sich der Unterschied zwischen einer "guten" und einer "schlechten" Aufführung anhört. Morgen wird es sehr stressig, da wir um 14:00 Uhr "Body Fragments" spielen und dann wild umbauen, um dann um 21:30 Uhr "Absurdesque" aufzuführen. Es kann also sein, dass die Tagebuchaufzeichnungen ein wenig darunter leiden werden. So, jetzt noch einmal überprüfen, ob die Scheinwerfer nicht verstellt sind und der Lichtmixer über Nacht die Stimmungen nicht vergessen hat. Ich höre draußen schon das Publikum. Calgary, 2009-01-17 Gestern war es so richtig rund und ein großer Teil des Publikums war begeistert. Ich glaube, es gibt hier einen großen Bedarf an solch intensiven sinnlichen Theatererlebnissen. Üblicherweise ist hier die Spielweise sehr oberflächlich und wir dringen mit unserem Stück in die Tiefen der menschlichen Psyche vor. Wir haben nach der Vorstellung eine nette Frau getroffen, die vor einigen Jahren mit unseren Freunden von "Krepsko" aus Prag in Vancouver eine Produktion gemacht hat. Sie fiel aus allen Wolken, als sie hörte, dass wir noch im letzten Jahr eine Koproduktion mit "Krepsko" aufgeführt haben. Es ist eine "Small World", vor allem wenn man die Welt aus der Sicht der unabhängigen Avandgardetheater betrachtet. Übrigens, was ich so als Füllworte in meinen gestrigen Artikel schrieb, solche Routinen wie vor der Aufführung Scheinwerfer überprüfen, solche Dinge, die eigentlich nicht besonders interessant sind, können plötzlich eine nahezu existenzielle Bedeutung bekommen. Fünf Minuten vor dem Einlass der Zuschauer wollte ich einen Scheinwerfer überprüfen und stellte fest, dass die Lichtstimmung, in der dieser programmiert war, nicht funktionierte. Dann stellte ich fest, dass überhaupt keine Stimmung mehr ging. Die Chefin war nicht da und dem Techniker gelang es nicht, die Programmierung von der Diskette auf das Board zu laden, sodass sich eine große Nervosität ausbreitete. Erst nachdem der Lichtmixer komplett abgeschaltet wurde und wieder neu startete, ging wieder alles und die Vorstellung konnte normal laufen, aber das Adrenalin musste dann mühsam von meiner Leber abgebaut werden, was gar nicht so gesund sein soll. Heute bin ich sehr gespannt auf "Absurdesque". Einige Zuschauer werden kommen, die bereits "Body Fragments" gesehen haben und ich bin neugierig darauf, zu erfahren, wie sie auf die unterschiedlichen Stile reagieren. Morgen und übermorgen haben wir "Days Off" und dann habe ich wieder ein bisschen mehr Zeit zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich nämlich ein wenig nachgelassen.
Calgary, den 19.1.09 Ich sehe auf dem Display meines Computers, dass bei Euch schon der 20. ist. Deswegen heißt das Morgenland wohl so. Es ist schon einen Tag weiter. Es gibt übrigens einen sehr schönen Roman von Umberto Eco zu diesem Thema, bei dem es um die Datumsgrenze geht (Die Insel des vorigen Tages oder so ähnlich lautet der Titel). Nach der Lektüre hat man die Ansicht, man hätte verstanden, wie das mit den neuen Tagen funktioniert, wie sie an der Datumsgrenze geboren werden und sich über den ganzen Erdball verbreiten. Hier ist man jedenfalls eindeutig von gestern. Hier werden dicke Autos gefahren, urbane Stadtviertel mit Plätzen und kleinen Geschäften werden dem Erdboden gleichgemacht und es scheint unmöglich ein Mobiltelefon mit einer Prepaidkarte und einer kanadischen Nummer auszustatten. Unsere dritte Aufführung von "Body Fragments" war für uns sehr interessant, weil die Zuschauer so oft gelacht haben, wie niemals zuvor bei dieser Aufführung. Wir haben festgestellt, dass das kanadische Publikum nicht diese Ernsthaftigkeit des europäischen Publikums besitzt und auch über Szenen lachen kann, weil sie so skurril sind oder so schräg. Sie lachen hier auch über das Verrückte, das Absurde und so konnte es überhaupt nicht verwundern, dass "Absurdesque" trotz der extrem kurzen Umbauzeit zum großen Publikumserfolg wurde und wir das Gefühl haben, wir könnten hier noch Monate weiterspielen und würden Publikum für unsere beiden Stücke finden. Jetzt müssen wir nur noch aufpassen, dass uns der Erfolg nicht zu sehr zu Kopfe steigt und wir morgen in Edmonton nicht als Stars aus der Stretchlimosine steigen und das beste Hotel der Stadt verlangen. Die Temperaturen sind übrigens gestern und heute auf rekordverdächtige 14°C gestiegen, was prompt zur Folge hatte, dass ich heute zweimal ausgerutscht bin, weil man nicht mehr mit tückischen Eisfeldern rechnet. Beim zweiten Sturz bin ich leider auf die Laptoptasche gefallen, was mir die Erfahrung beschert, dass ein gefallenes Display wie ein kaputter Spiegel aussehen kann. Gestern war ein Tag, an dem alle Tourneeteilnehmer in ein tiefes Koma gefallen sind, weil der Tag vorher mit den zwei verschiedenen Aufführungen sehr anstrengend war und heute kann man die ersten Regenerationserscheinungen ausmachen. Für mich gibt es auch eine Menge Arbeit hier. Es müssen noch einige Anträge bearbeitet werden, Projekte müssen weiter konzipiert werden und es muss viel kommuniziert werden. Dann habe ich mich heute darin eingearbeitet, in unserem neuen Internetsystem neue Seiten mit den entsprechenden Links zu erstellen, damit das Tagebuch übersichtlicher wird und schon ist der Tag 'rum. Als Nächstes kümmere ich mich um das Hochladen von Filmchen und Photos - versprochen. Euer Siegmar zurück zum Tagebuch
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